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Der Reporter war Geisel des Islamischen Staats – war seine Berichterstattung das Risiko wert?

«Natürlich waren die Kidnapper nicht happy»: ehemalige IS-Geisel und Buchautor Hénin, 41. (Bild: Tanja Demarmels für die Weltwoche)

«Sie haben ein Buch über den Islamischen Staat geschrieben [«Der IS und die Fehler des Westens»] – weshalb nicht über Ihr Schicksal?» – «Erstens: Was mir passiert ist, ist persönlich, und ich bin nicht bereit, es mit der Öffentlichkeit zu teilen. Zweitens: Ein solches Buch [über mein Schicksal] wäre genau die Art Buch, die meine Entführer geliebt hätten. Weil Gewalt ihr Geschäft ist und ich eine Art Resonanzboden gewesen wäre, wenn ich über die Gewalt, die ich erlebt habe, berichtet hätte. Und der dritte Grund ist, dass ich finde, ja, wir im Westen sind Terrorismus-Opfer. Aber das Ausmass der Gewalt ist gering im Vergleich mit der Gewalt im Mittleren Osten. Es wäre obszön gewesen, wenn ich gesagt hätte: ‹Schaut mich an, mich Armen, ich bin ein Opfer der Terroristen.›»

Nicolas Hénin, 41, ist ein französischer Journalist und Sachbuchautor. Er hielt sich in den vergangenen Jahren in Krisen- und Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens auf, um darüber zu berichten. Vor drei Jahren, als er für die französische Zeitschrift Le Point in Syrien war, wurde er von Dschihadisten entführt und zehn Monate gefangen gehalten; einer seiner Bewacher war ein Franzose, der später vier Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel erschoss. Eine Zeitlang teilte er die Zelle mit James Foley, dem amerikanischen Journalisten, dessen Enthauptung IS-Terroristen filmten und anschliessend veröffentlichten. Sein Buch «Der IS und die Fehler des Westens – Warum wir den Terror militärisch nicht besiegen können» ist bei Orell Füssli auf Deutsch erschienen. Es handelt sich dabei um eine, in meinen Augen, saubere Analyse der Gründe, die zur gegenwärtigen Lage geführt haben; an Tiefenschärfe fehlt es nicht, doch etwas personal history hätte den Text zugänglicher gemacht. Hénin ist verheiratet und hat zwei Kinder, er lebt in Frankreich. Dieses Gespräch – wir sprachen Englisch – fand in Zürich statt.

«Weshalb berichten Sie über Kriege und fahren hin?» – «Ich finde es persönlich interessant, und es ist eine Herausforderung. Ausserdem recht einfach – es gibt von jedem Krieg viele Geschichten zu erzählen. Zurzeit hat mir meine Frau aber verboten, Kriegsreporter zu sein, drum bin ich jetzt Bücherschreiber.» – «Kriegsreporter sind eine kleine Gruppe, und ein Teil davon reist von Konflikt zu Konflikt – weil sie die Adrenalinausschüttung vermissen, wenn sie als Nächstes über den Brand eines Mehrfamilienhauses oder so schreiben sollen, haben einige selber gesagt ...» – «Das stimmt. Die Öffentlichkeit sollte aber nicht meinen, es handle sich dabei um die Reporter-Elite – es gibt brillante Leute darunter und Scheisstypen. Für ein Medienunternehmen tönt es einfach gut, wenn es sagen kann: ‹Unser Spezialkorre- spondent aus ...›, irgendeinem Ort, auf den die Welt gerade blickt.» – «Falls die Welt denn hinsieht – weniger als zehn Prozent der Leser der meisten Tageszeitungen interessieren sich sehr für Auslandberichterstattung, zeigen Befragungen.» – «Oops, nicht gut für mein Geschäft. Aber auch die neunzig Prozent, die was anderes lesen wollen, fühlen sich vielleicht besser, wenn in ihrer Zeitung Auslandsgeschichten drin sind – weil das klug aussieht.»

«Wurden Sie anders behandelt, als Franzose? Frankreich sei angeblich verhandlungsbereit, wogegen Amerika und Grossbritannien nie Lösegeld zahlen ...» – «Die Behandlung hing davon ab, wer uns bewachte; sie war mal besser, mal schlechter, es gab immer den good cop und den bad cop [netter Polizist, böser Polizist]. Zweitens betone ich, dass es eine Legende ist, laut der bestimmte Länder verhandeln sollen und andere nicht; es gibt Daten, die zeigen, dass das Verhältnis von getöteten zu freigelassenen Geiseln ungefähr gleich bleibt, egal, ob die Geiseln aus einem Land kommen, das den Ruf hat, zu verhandeln oder nicht.» – «Sie konnten aus Ihrer Zelle flüchten, wurden aber in der Wüste von Verbündeten Ihrer Bewacher gefunden – was passierte dann?» – «Natürlich waren die Kidnapper nicht happy. Aber mir hat es geholfen – wenn man zehn Monate Zeit hat, darüber nachzudenken, weshalb man in diese Scheisslage geraten ist, geht es einem besser, wenn man wenigstens versucht hat zu fliehen. Das ist der Job einer Geisel. Und danach war es der Job meiner Leute, meiner Regierung, mich rauszuholen.» – «Rückblickend: War’s die Berichterstattung wert, das Leben zu riskieren?» – «Man sagt, keine Story sei ein Leben wert. Aber wenn man die [jüngere] Geschichte anschaut, gab’s schon Storys, die bahnbrechend waren. Und auf eine solche kann man stossen – mit der richtigen Mischung aus Glück, Fleiss und Gerissenheit.»


Sein liebstes Restaurant: Al-Quds, Complex No 8, King Al Hussein Street, Amman (Jordanien), Tel. +962 6 463 01 68

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Kommentare

Chrigel F
28.05.2016 12:30
«Das ist der Job einer Geisel» – super, danke für das Interview.