MARK VAN HUISSELING

August 2022
Publikation: NZZ
Montana, der Traum vom Wilden Westen
Manche Männer, die als Jungen von «Bonanza» beeindruckt waren, kaufen sich heute Ranches in Amerikas Nordwesten. Mit Pferden, Pistolen und Bärenspray gehen sie dort ihrer Idee vom freien Leben nach.
Bild: Mark van Huisseling
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Bild: Wasserfall im Flathead County, Montana

Es passiert einem selten als Vielflieger, dass man sein Ziel nicht genau verorten kann, nicht einmal weiss, wie man den Namen richtig ausspricht – welcome to Kalispell. Doch man versteht das Unwissen als Auszeichnung. Als Vorgeschmack darauf, was einem widerfahren dürfte auf der Reise an die letzte Grenze. Oder in den amerikanischen Nordwesten immerhin, wo dieser noch wild ist. Beziehungsweise wild, aber chic, immerhin haben sich zahlreiche Berühmtheiten in der Gegend Dritt-, Viert- oder Fünftwohnsitze gekauft, und Wi-Fi-Verbindung soll’s auch geben.

«Ka·luh·spel» lautet die Aussprache des Namens der Stadt in Montana mit knapp 20 000 Einwohnern. Auch der dazugehörende Flughafen dürfte vielen Besuchern zuvor unbekannt gewesen sein – er heisst Glacier Park International. Im viertgrössten Gliedstaat des Landes, gelegen an der Grenze zu Kanada und geringfügig grösser als Deutschland, leben rund 0,3 Prozent der amerikanischen Bevölkerung, rund eine Million Menschen bloss.

Die populärkulturelle Ausstrahlung des Mountain State ist hingegen ungleich stärker. Was wohl mit seiner Geschichte und den Ureinwohnern zusammenhängt: 13 Indianerstämme, heute native Americans genannt. Beziehungsweise den weissen Bisonjägern, Schürfern, Soldaten et cetera, die im 19.Jahrhundert das damalige Territorium unsicher machten beziehungsweise sicher, je nach Blickwinkel. 1862 begann der Goldrausch am Grasshopper Creek, 1876 kam es zur Schlacht am Little Bighorn, in der General Custers Truppen den Kämpfern der Häuptlinge Sitting Bull und Crazy Horse unterlagen.

Fussabdrücke wilder Krieger
Von den Fussabdrücken der wilden Krieger, Glücksritter, Cowboys und von deren Nachfolgern geht noch immer eine starke Anziehungskraft aus, vor allem Alpha-Männer können ihr kaum widerstehen. Kanye West, der Rapper-Superstar, kaufte sich unlängst zwei Ranches im Nachbarstaat Wyoming (eine verkaufte er vergangenes Jahr wieder). Ob eine Farm im bei Kalispell gelegenen Whitefish Tom Cruise gehört, wie Anwohner erzählen, oder der dort nur Ferien machte, ist unklar; David Letterman, der Talkshow- Gastgeber, und Huey Lewis, ein Pop- Musiker, dagegen sind Gutshofbesitzer in Montana.

Die romantische Vorstellung vom harten, aber freien und sinnstiftenden Leben in den Wäldern, Grasländern mit Bergseen und -bächen plus was sonst noch zu the great outdoors zählt, teilen nicht bloss Prominente und Milliardäre. Joe Sixpack, Herr Jedermann, lässt sich mittels TV an die Sehnsuchtsorte versetzen – «Yellowstone» etwa, eine Serie mit Kevin Costner über die erfundene Familie Dutton und deren riesige Ranch. Vorletztes Jahr erzielte sie die besten Einschaltquoten aller Kabelsender in Amerika (diesen Sommer begannen die Dreharbeiten für season 5 in der Nähe von Kalispell). Ein Erfolg kommt selten allein, es darf von einer Neowesternwelle geschrieben werden.

«Big Sky Country» steht auf den Kontrollschildern der Autos – das bevorzugte Fahrzeug ist der Pick-up- Truck F-150 von Ford –, und dieser Reklamespruch ist nicht gelogen. Von dem grossen Himmel abgesehen sowie der Weite im Allgemeinen erinnert das hoch gelegene Flathead County (1000 Meter über Meer) an Täler Graubündens, einzig der schönen Landschaft wegen muss der Schweizer also nicht 8000 Flugkilometer und die damit verbundene Scham erdulden.

Die Landschaft könnte an Bündner Täler erinnern – wenn der Himmel in Montana nicht einiges weiter wäre.

Nach 90 Minuten Fahrt, die letzten 10 über eine dirt road, staubige Schotterstrasse, erreicht man das Haupthaus der Ranch meines Gastgebers. Die Nachbarsfarm befinde sich ein paar Meilen südlich (oder nördlich; ich bin nicht geübt im Umgang mit Himmelsrichtungen), das Café / der Laden sei ungefähr gleich weit weg oder, präziser ausgedrückt für hiesige Verhältnisse: gleich nahe, allerdings nach Norden (oder Süden). Radioempfang gebe es keinen, was mir schon im Truck aufgefallen ist, als am Swan Lake plötzlich die Country-Musik aufhörte zu spielen. Das Mobilnetz sei in Ordnung, einzig das WLAN funktioniere zurzeit nicht richtig.

Die Ranch sei sein Lieblingsflecken, sagt mein Gastgeber, seit er diese vor wenigen Jahren kaufte. Was einem Ritterschlag entspräche, falls man Orte adeln könnte: Er hat über ein halbes Dutzend Wohnsitze in Europa, Grossbritannien und Amerika, inklusive eines beach house in den Hamptons und eines Penthouse-Apartments in Südflorida. Der genaue Grund für die Liebesgeschichte mit der Ranch ist unklar, der Mann – Ende sechzig, wirtschaftlich unabhängig nach einem Berufsleben voller grosser Geld- und Immobiliengeschäfte in Frankfurt, New York und Zürich – ist der Gegenentwurf zu Buffalo Bill, ginge nicht einmal als Gentleman-Farmer durch.

«Der Schatz im Silbersee»
Lehnstuhlpsychologisch betrachtet, könnte es damit zu tun haben, dass er sich den Traum erfüllt, dem er als Heranwachsender in Wirtschaftswunderdeutschland nachhing, wenn «Bonanza» oder «Der Schatz im Silbersee» im Fernsehen gezeigt wurden (letztgenannter Streifen, eine Karl-May-Verfilmung, war allerdings in der Bundesrepublik sowie im damaligen Jugoslawien gedreht worden). Egal, er liebt die Gegend und was man dort erleben kann. Und ist damit kein Einzelfall: An jeder Dinnerparty, auf der er davon erzähle, könnten Zuhörer sowie, erstaunlicherweise, Zuhörerinnen nicht genug von der Story bekommen, sagt er.

Das big house ist genau das: big. Man könnte Tennis darin spielen. Der Vorbesitzer hatte einen Esstisch für 32 Gäste, der jetzige hat einen aufgehübschten alten Planwagen hineingestellt sowie eine Menge weiterer Western-Americana-Antiquitäten, untermöbliert ist der Salon immer noch. Besucher bewohnen nicht ein Zimmer, sondern einen Hausteil. Nachdem ich diesen bezogen habe, fragt mich der Hausherr: «Schiesst du?» und zeigt auf die ground squirrels, von denen vor den Fenstern eine Menge zu sehen sind. Er meint das ernst, fürchte ich, doch weshalb sollte ich putzige Pelztiere, die an kleine Murmeltiere erinnern, töten? Sie seien eine Plage, sagt er, untergrüben sein Haus, nagten alles an.

Bambi war kein Rehbock, weil solche nicht vorkommen in Amerika, sondern ein Weisswedelhirschkalb.

Bald höre ich ein paar trockene Knalle, kurze Zeit später ein sattes, lautes Peng: Mein Freund schoss mit seinem Luftgewehr mit Knicklauf wenigstens ein ground squirrel an, dieses schaffte es weidwund noch ums halbe Haus, wo es heftig zuckend liegen blieb. Worauf der Schütze waffenstärkemässig upgradete und dem Tierchen mit einer Pistole aus nächster Nähe den Gnadenschuss verpasste. Das Ergebnis ist kein schönes Bild, unmittelbar neben dem Vorbau zudem, auf dem man sitzen, den Blick über den Flathead National Forest sowie die Berge dahinter, Ausläufer der Rocky Mountains, schweifen lassen und Bier trinken möchte.

Das wahre Wesen der Natur: Sie ist ein Ort, an dem es immer um Leben und Tod geht. Das ist keine Belehrung von mir, sondern der Kern der Aussage von Felix Salten, Autor von «Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde», die er 1922 veröffentlichte (Salten war Jäger, doch der Roman wurde von den Nationalsozialisten verboten, da die Zensierer darin einen Vergleich mit der Behandlung der Juden in Europa erkannten). Nach dem Disney-treatment wurde die Geschichte zum Klassiker sowie zum liebsten Film von Walt himself, plus zu einem der bestgemochten Filme aller Zeiten beim breiten Publikum.

Das Buch ist noch düsterer als die lose darauf fussende Zeichentrickfilm-Kinofassung, die auch nicht ohne ist: Die namenlose Mami von Bambi – dieser ist kein Rehbock, übrigens, weil solche nicht vorkommen in Amerika, sondern ein Weisswedelhirschkalb – wird von Jägern abgeknallt. Später, halbwüchsig, verteidigt Bambi eine junge Hirschkuh gegen einen anderen Hirsch, rettet sie vor einer Jadghundemeute und schliesslich aus dem brennenden Wald. Nach allen Anstrengungen rückt er seinem absentee-Vater – dem Platzhirsch mit prachtvollem Geweih, doch meist entfernt auf einem Felsvorsprung thronend, und mit existenzialistischer Haltung («deine Mami ist tot, zeig Stärke, du bist allein») – nach. Und also weg von Hirschfrau sowie Nachkommen. Worauf sich die Geschichte wiederholt. Stephen King bezeichnete «Bambi» als ersten Horrorstreifen, den er sah.

Zwei Longhorns, eine Corvette
Auch im Sommer wird es schon frühabends kühl in Montana, doch es bleibt lange hell, und die Umgebung präsentiert sich gestochen scharf im Licht der untergehenden Sonne, Smog gibt es keinen, Luftverschmutzung ebenfalls nicht; Weisswedelhirschkühe und ihre Kälber treten gar nicht scheu aus dem Wald, der fast bis ans big house reicht («Bambi» war in jeder Hinsicht der passende Lesestoff zur Vorbereitung auf die Reise).

Mein Gastgeber erwartet einen Rinderzüchter. Er soll zwei Longhorns auf seine Weide führen, damit diese sie abgrasen können. Eine vintage Corvette fährt vor – ein merkwürdiges Fahrzeug zum Befördern von Hausrindern, deren Hörner eine Spanne von mehr als zwei Metern umfassen können. Ein Mann steigt aus dem Sportwagen, Baujahr 1974, ein Bier-Sixpack unter dem Arm, «Change of plan», Planänderung, sagt er, Geselligkeit statt Tiertransport nämlich. Und fragt: «Was soll das mit dem ground squirrel neben der Veranda?» Ein ungelöstes Entsorgungsproblem, antwortet der Hausherr. «What?», erwidert der Einheimische, packt den Kadaver und wirft ihn im hohen Bogen in den Wald, «Problem gelöst, Montana-Style.»

Im big house könnte man Tennis spielen. Der Vorbesitzer hatte einen Esstisch
für 32 Gäste, der jetzige hat einen aufgehübschten alten Planwagen hineingestellt.

Früh am folgenden Tag ruft mein Freund an. «Draussen ist ein Bär, komm schnell», flüstert er ins Telefon. Als ich die andere Seite des Hauses erreiche, sehe ich ein dunkles, unaufgeregt hin- und herwiegendes Fellhinterteil an der Garage vorbeigehen – «Passgang» nennt man das, Bären sind Sohlengänger –, als das Tier die Bäume erreicht, biegt es links ab, so dass man es in voller Grösse erkennen kann: ein Amerikanischer Schwarzbär, den Kopf mit der spitz zulaufenden hellbraunen Schnauze nur Zentimeter über dem Boden haltend. Vielleicht hofft er, weitere, offenbar für ihn erlegte ground squirrels zum Frühstück aufzuspüren, obwohl bei Wikipedia steht, Bären in freier Wildbahn seien dämmerungsaktiv.

Mehr Bären-Trivia: «Mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 1,5 bis 1,8 Metern, einer Schulterhöhe bis zu 91 Zentimetern und einem Gewicht von durchschnittlich 100 Kilogramm ist der Ursus americanus deutlich kleiner und leichter als der Grizzly» (Quelle: Wikipedia). Ich muss den Gastgeber wohl anweisen, mich erst wieder zu stören, wenn er einen richtigen Bären sichtet. Was nicht ausgeschlossen ist – es gibt rund einen je Quadratkilometer im Staate Montana, also zirka 381 000. Angriffe von Schwarzbären auf Menschen, nebenbei erwähnt, sind selten, solche, die für Menschen tödlich ausgehen, noch seltener (23 erfasste Fälle zwischen 1900 und 1980); in dieser Zeit verloren doppelt so viele Leute ihr Leben nach Zusammentreffen mit Grizzlys, obwohl deren Bestand viel niedriger ist, bloss etwa zehn Prozent der Bärengesamtpopulation.

«Meine Ranch, meine Regeln»
Für den Nachmittag ist die Begehung eines parcels, Teils, der Ranch vorgesehen, wegen der geplanten Rodung des Unterholzes. Mein Gastgeber steckt eine Pistole ins Holster an seinem Gürtel; die Waffengesetze im knallroten Staat Montana – Siege für die Republikaner bei den Präsidentschaftswahlen seit 1996 – gehören zu den freizügigsten des Landes. Ich teile ihm ungefragt mit, ein Laie mit Knarre scheine mir wenigstens so gefährlich wie eine allfällige Bärenbegegnung. Er entgegnet, es handle sich um eine antike Waffe, gekauft in einem örtlichen Pfandleihhaus. Weshalb mich das beruhigen soll, verstehe ich nicht, hingegen die unterliegende Botschaft: «Meine Ranch, meine Regeln.»

Im Holster des Försters, der uns begleitet, steckt eine Dose bear repellent, ein starker Pfefferspray. Ich frage, ob er denn oft Bären begegne. Vielleicht dreimal jährlich, antwortet er; Bärenspray habe er bisher selten eingesetzt, dieser sei aber hilfreich. Worauf der Gastgeber mir eine Dose davon überreicht und sagt: «Kürzlich haben sie einen Grizzly obduziert – und in seinem Bauch einen Touristen gefunden, mit bear spray in der Hand.» Der Förster fährt nicht den bevorzugten Truck, sondern einen Toyota mit Platz für lediglich zwei in der Kabine. Weshalb ich mit der Ladefläche vorliebnehmen muss, wie es sonst Wanderarbeiter tun. Davon abgesehen: keine besonderen Vorkommnisse.

Für den nächsten Morgen sind wir zum Reiten verabredet. «Trägst du keinen Helm?», fragt der einladende Ruheständler-Rancher mit eigenen Pferden sowie Erstwohnsitz in Florida meinen Freund, als der einen geflochtenen Hut aufsetzt. Die Antwort lautet, offensichtlich, nein, aber, hey, it’s a free country. Nach wenigen hundert Metern, die wir im Schritttempo auf einer Strasse zurücklegten, hebt eine Bö den erwähnten Hut vom Kopf des Reiters, dieser versucht, ihn mit der Hand zu halten, was das Pferd wohl als Kommando versteht, in Trab oder Galopp zu fallen. Worauf der Mann vom Rücken des Rosses fällt und im Staub liegen bleibt. Er blutet am Kopf, atmet schwer, hat Schmerzen in der Brust.

Der Notfalldienst im Swan River Valley, mehrheitlich besetzt durch Freiwillige, klappt. Nach 15 Minuten liegt mein Freund in einem Krankenwagen, nach 45 im Rettungshelikopter, nach 90 auf der Intensivstation des Regionalspitals. Freundliche Ärzte kommen und gehen, ein netter Pharmakologe folgt auf einen höflichen Radiologiefachmann und so weiter. Der Befund: gebrochene Rippen, leicht kollabierte Lunge, geringfügige äusserliche Verletzungen. Ein Mediziner sagt: «Die gute Nachricht ist, die meisten Patienten, die vom Pferd gefallen sind, sehen schlechter aus.» Besonders wenn das Pferd auf sie getreten sei, was gern passiere, da sich Reiter oft in den Zügeln verhedderten. Und «Oh, bevor wir’s vergessen: zwei Tage Spitalaufenthalt, mindestens, und zwei Wochen Flugverbot.»

Privatjet-Cowboys
Auch Nachrichten reisen rasch im Valley. Einheimische, mit denen ich zu tun habe, kennen die Geschichte bereits. Sie sind freundnachbarlich-hilfsbereit, laden zum Steak-Essen zu sich ein, fragen, ob ich sonst was brauche. Und versichern, dass sie sich um meinen Freund kümmern würden nach dessen Entlassung. Dennoch dünkt’s mich, ihr Mitgefühl halte sich in Grenzen. Was nachvollziehbar ist, wenn man darüber nachdenkt.

Ein local erzählt von seiner Kundschaft: viele Wall-Street-Typen, auch solche, die recht indifferent seien gegenüber der einheimischen Bevölkerung und
ihren Kenntnissen.

Ein local, von Beruf Verwalter von über vierzig die meiste Zeit leerstehenden Ranches – «kalte Betten» würde man in Graubünden sagen –, erzählt von seiner Kundschaft: viele New Yorker, Wall-Street-Typen, unter ihnen nette Kerle, aber auch solche, die recht indifferent seien gegenüber der einheimischen Bevölkerung und ihren Kenntnissen, Erfahrungen vom Leben in der Wildnis. Was man als Überheblichkeit oder Anmassung verstehen könne. «Es macht aus dir noch keinen Cowboy, wenn du deinen feinen 3000-Dollar-Anzug gegen Jeans, Westernhemd und Stiefel tauschst, sobald du im Privatjet fürs Wochenende gelandet bist», sagt er.

An einem Nachmittag fährt ein Ford-Truck, Modell «King Ranch», mit Doppelkabine und Büffelleder-Interior, vor das big house, in dem ich mich jetzt allein aufhalte. Es ist der Pferdehalter, er möchte sein Kleinkalibergewehr, das er meinem Gastgeber geliehen hat, zurück. «Weil der es ja vorläufig nicht braucht. Und du auch nicht, höre ich», sagt er. Da hat er recht, zweimal sogar. Montana ist zwar ein sogenannter Stand-your-ground-Staat, das heisst, Bewohner dürfen zuerst auf Eindringlinge, die ihr Land betreten, schiessen, sollten sie sich bedroht fühlen. Und anschliessend fragen, was sie wollten (falls sie noch leben). Dennoch habe ich meinem Freund vor seinem Sturz gesagt, ich würde mich sicherer fühlen ohne Waffen im Haus. Worauf er, der Deutsche, mir, dem Schweizer, entgegnete: «Du denkst sehr europäisch.»

Ich führe den Pferdehalter in den Salon, wo sein Gewehr auf dem Fussboden neben der Couch liegt. Er kniet nieder, hebt es vorsichtig auf, schüttelt den Kopf und sagt: «Die Waffe ist geladen und gespannt, ganz schön unvorsichtig.»

Generator im Bärengebiet
Am frühen Abend ziehen schwarze Wolken herauf, Windstösse rütteln an den Holzbalken des Vorbaus, Berge und Bäume, gerade noch golden im Licht der tiefstehenden Sonne, wirken jäh dunkel und abweisend. Blitze zucken über den Gipfeln, Donner grollt. Zwei Weisswedelhirsche rennen vor dem Haus auf und ab –ob der Sturm sie erfreut oder erschreckt, ist schwer zu sagen, trotz aufgefrischten Bambi-Kenntnissen. Plötzlich gehen alle Lichter aus, die Internetradiostation verstummt, man hört nur noch den Starkregen aufs Dach trommeln. Eine Stunde später, das Gewitter hat inzwischen ein wenig nachgelassen, ist es stockfinster draussen und im big house. Ich schreibe dem Verwalter eine Nachricht, er antwortet umgehend: «Stromausfall im ganzen Tal, mach dir keine Sorgen.» Und kurze Zeit später: «Die Ranch hat einen Generator, du solltest keine Probleme haben.»

Ich rufe ihn an – mein Mobiltelefon-Akku steht bei 48 Prozent – und erfahre, dass sich der Generator hinter der Garage befindet, wo wir den Bären sichteten. Laut rufend (man soll Bären nicht überraschen) renne ich durch die Nacht und den Niederschlag, um zu prüfen, ob der Generator läuft (tut er). Der Notstrom sollte unter anderem die Gefriertruhe versorgen (tut er nicht). Der Verwalter sagt: «Well, dann ist Joe ein Fehler unterlaufen.» – «Wer ist Joe?», frage ich, obwohl das im Grunde unerheblich ist. Joe ist der Hauswart, lerne ich, und dass der Verwalter von Anfang an gesagt habe, man hätte einen Elektriker beauftragen sollen mit der Verkabelung. Das letzte Mal, übrigens, habe es vier Tage gedauert, bis es wieder Strom gegeben habe (mein neuer Mobiltelefon-Akku-Stand: 42 Prozent).

Morgens um vier Uhr, ich konnte kurz vorher einschlafen, denke ich, geht das Licht wieder an im ganzen Haus. Der Sturm hat sich gelegt, der Regen aufgehört, nachdem ich alle Lichter gelöscht habe, sehe ich die Mondsichel und viele, viele Sterne am Himmel.

Um neun holt mich der Fahrer ab wie verabredet. Er sagt tatsächlich «Howdy», erkundigt sich, ob ich eine grossartige Zeit verbracht habe im Valley, und teilt mit, dass er in der Kirche aktiv sei. Vor dem Flughafen Glacier Park International von Kalispell («Ka·luh·spel») sagt er, es tue ihm leid, mich abreisen zu sehen. Mir weniger, denke ich.

Drei Wochen später erreiche ich meinen Freund und Gastgeber in London. Es gehe ihm wieder gut, sagt er. Er werde vermutlich keine bleibenden Schäden davontragen, ausser einer Pferde-Phobie. Und freue sich schon auf den nächsten Aufenthalt im Wilden Westen. Seine Liebe, so sieht’s aus, reicht bis zum grossen Himmel.

Good bye, Silbersee.
August 2022
Publikation: NZZ

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