Man stellt es sich anders vor: Wer durch Kreuzlingen geht und als Ziel den Grenzรผbergang nach Deutschland hat, den nur Fussgรคnger nutzen dรผrfen, durchquert das Gelรคnde, wo sich einst das Sanatorium Bellevue befand. Anders vorgestellt hat man es sich wegen des Namens ยซBellevueยป โ dieser legt einen schรถnen Blick รผber den Bodensee nahe. Stattdessen sieht das Auge bloss Wรคnde von Hรคusern auf allen Seiten. Von denen natรผrlich viele noch nicht standen in der hohen Zeit des Bellevue zwischen, sagen wir, 1870 und 1920.
Doch schon damals war die Sicht aus den Hรคusern, die das ยซAsylยป respektive die spรคtere ยซCuranstaltยป sowie ยซKlinikยป bildeten, keine berรผhmte. Das waren stattdessen die Betreiber โ Vertreter der Psychiaterfamilie Binswanger โ sowie manche Patienten der Anstalt.
Heute ist das 70 000 Quadratmeter messende Grundstรผck das, was man ยซverdichtetยป nennt โ nahe aneinander gebaute Mehrfamilienhรคuser, in denen ein paar Betriebe ihre Dienste anbieten, ein Thai-Massage-Studio zum Beispiel oder, in einem anderen Bau, einige Start-up-Firmen, Jungunternehmen. Zur Hauptsache leben dort aber gewรถhnliche Mieter in gewรถhnlichen Wohnungen. Keine ยซabgespanntenยป Berรผhmtheiten oder Menschen von Adel mit ยซstrapazierten Nervenยป mehr, wie psychisch Kranke aus den oberen und obersten Gesellschaftsschichten frรผher genannt wurden.
Keine Irren in unmittelbarer Nรคhe
Bloss die Villa Bellevue, erbaut 1843, steht noch, inklusive des neuerstellten Wandelgangs aus Glas, seinerzeit ein Ort der gepflegten Konversation unter Patienten, der zur Villa Roberta, dem anderen erhaltenen Haus, fรผhrt; darin ist Kreuzlingens Zivilstandsamt untergebracht. Die Bezeichnung ยซBellevueยป stammt von der Exilantendruckerei. Der Betreiber, ein aus dem reaktionรคren Bayern in die liberale Schweiz geflรผchteter deutscher Schriftsteller, hatte ihn vom frรผheren Standort, einem Schlรถsschen ยซZur schรถnen Aussichtยป, รผber die Landesgrenze mit gezรผgelt.
Im Jahr 1857 kaufte der ehemalige Direktor der Irrenanstalt Mรผnsterlingen, Ludwig Binswanger (der รltere), die Liegenschaft Bellevue in Kreuzlingen, das seinerzeit noch Egelshofen hiess. Und zog mit seiner Familie dort ein; zuvor hatte der damals 37-jรคhrige, im Kรถnigreich Bayern Geborene, aus einer orthodoxen jรผdischen Familie Stammende seine Schweizer Staatsstelle aufgegeben. Bevor Menschen, die ยซmit sich allein in der Welt nicht mehr fertig wurdenยป, in seinem ยซAsylยป im (fast) benachbarten Ort Kreuzlingen Schutz und Betreuung finden konnten, wie er die Aufgabe der Anstalt beschrieb, hatte er versucht, eine solche in Zรผrich zu betreiben. Und zu diesem Zweck ein Haus neben dem Anwesen, in dem sich heute das Museum Rietberg befindet, erworben.
Allerdings machte ihm der Nachbar Otto Wesendonck, ein reicher ehemaliger Kaufmann aus Dรผsseldorf und Mรคzen (dieser bezahlte das Zรผrcher Leben von Richard Wagner und dessen Frau Minna; das Paar bewohnte sein Gartenhaus), ein Angebot, das Binswanger nicht ablehnen konnte. Weil Wesendonck keine Irren in unmittelbarer Nรคhe von sich und den Wagners erdulden wollte. Der Immobiliengewinn ermรถglichte Binswanger den Ankauf der grรถsseren und stattlicheren Villa Bellevue in der Provinz.
Menschen, die mit sich allein in der Welt nicht mehr fertig werden, finden hier Schutz und Betreuung.
Der Psychiater fiel auf seinem Fachgebiet durch fรผr die damalige Zeit fortschrittliche, ja avantgardistische Ansichten auf: ยซNur ein Plus oder Minus unterscheidet den sogenannten Geisteskranken von tausend anderen fรคhigen und unfรคhigen Kรถpfen der menschlichen Gesellschaftยป, schrieb er im Jahresbericht der Mรผnsterlinger Anstalt von 1851. Und weiter unten heisst es: ยซ... in der jetzigen Art des Denkens und Handelns des Geisteskranken liegt der ganze frรผhere Mensch, seine ganze frรผhere Lebensgeschichte offen dargelegt, ein aufgeschlagenes Buch voll Irrtรผmer und Fehler, dessen Einleitung von einer verkehrten Erziehung, von den Sรผnden der Eltern und der Familie in physischer und moralischer Beziehung vom Momente der Zeugung an die ganze Entwicklungszeit hindurch, hรคufig auch vom Erfassen eines verfehlten Lebenszwecks handeltยป. Verkรผrzt ausgedrรผckt: Es gibt mittels Ratio erklรคrbare Ursachen, die zu Geisteskrankheiten fรผhren. Was sich als Erkenntnis deutlich abhob von der bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts mehrheitlich anerkannten Sicht, nach der Kranke vom Teufel oder von Dรคmonen besessen waren.
Heilfรคhige Kranke aus besseren Stรคnden
Darรผber hinaus hatte sich Binswanger ein Geschรคftsmodell ausgedacht, das ebenfalls abwich vom Standard. Er beschrieb zur Erรถffnung des Asyls, wie er wรคhrend seines siebenjรคhrigen รถffentlichen Wirkens als Direktor der kantonalen Heil- und Pflegeanstalt Mรผnsterlingen erfahren habe, ยซdass in den von der Armenklasse zunรคchst bevรถlkerten Staatsanstalten die wenigen fรผr Pensionรคre reservierten Plรคtze das bestehende Bedรผrfnis nur teilweise decktenยป. Mit anderen Worten: Es fehlte an Betreuungsangeboten fรผr Mitglieder der oberen, vermรถgenden Gesellschaft. Und das stellte eine Marktlรผcke dar. Was bei ihm den Entschluss hervorrief, ยซeine Privatanstalt fรผr heilfรคhige Kranke und Pfleglinge aus den besseren Stรคnden der Schweiz und des Auslands zu errichtenยป. Voilร , die Idee fรผr die erste Schweizerย luxuryย und/oderย celebrity rehab, Luxusklinik fรผr eine vermรถgende und/oder berรผhmte Kundschaft, war entstanden.
ยซDer Name der Anstalt verbreitete sich rasch weit รผber die Landesgrenze hinausยป, schrieb der Autor eines Artikels imย Magazinย des Zรผrcherย Tages-Anzeigersย vor rund vierzig Jahren. Die Krankheit, die es fรผr Binswanger und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den 1860er Jahren zur Hauptsache zu behandeln gab, sei die durch Syphilis ausgelรถste progressive Paralyse gewesen (auch ยซGehirnerweichungยป genannt; erst ab 1917 dank der zufรคllig entdeckten heilsamen Wirkung der Malariabehandlung erfolgreich bekรคmpft).
Die Patientenzahl war bis zu Binswangers Tod im Jahr 1880 auf ungefรคhr vierzig angestiegen, berichtete derย Magazin-Journalist weiter, weshalb man Platz benรถtigte und zwei benachbarte Hรคuser gekauft wurden. Trotz dieser Investitionen blieb genug รผbrig, so dass der Psychiater und Anstaltsleiter 1874 fรผr sich und seine Familie das 36 000 Franken teure Landgut Brunnegg erwerben konnte und zu einem schlossartigen Gebรคude umbauen lassen konnte โ zur Einordnung: Der Pensionsansatz in der ersten Klasse des Bellevue betrug 5 Franken am Tag.
ยซBinswangereiยป
Jetzt einen Sprung รผber 148 Jahre oder vier Generationen nach vorne: Am Stadtrand von Kreuzlingen wohnt Andreas Binswanger. Der 71-Jรคhrige weiss wahrscheinlich am meisten รผber die Schweizer Psychiaterfamilie. Und unterhรคlt in seinem grossen, neueren und aufgerรคumten Einfamilienhaus die umfassendste Sammlung von Dokumenten, Publikationen et cetera, in denen es um die Binswangers oder ihr Sanatorium geht; Ludwig Binswanger der Jรผngere (1881โ1966), ein Enkel von Ludwig dem รlteren und der ยซwohl bekannteste Spross der Familieยป (Wikipedia), war sein Grossonkel. Wer Auskรผnfte oder Unterlagen benรถtigt, besucht den Familienhistoriker mit Ausbildung zum Landwirt, der 1950 geboren wurde und im Bellevue aufwuchs.
Seine Kindheit sei geprรคgt gewesen von dem, was er ยซBinswangereiยป nennt. Und meint die Integration der Familie in den Anstaltsbetrieb. Der stรคndige Austausch seiner Verwandten mit Insassen habe auch zur Philosophie Ludwig Binswanger des Jรผngeren gehรถrt, der das Bellevue bis 1956 leitete. In der Hierarchie seines Grossonkels (dieser und Andreasโ Grossvater waren Brรผder) seien an erster Stelle die Patientinnen und Patienten gekommen, dann die Familienmitglieder und danach der Rest der Welt. Was dazu gefรผhrt habe, ยซdass es Kreuzlingen gab und das Bellevue โ beide hatten eigene Lebenยป, sagt er. Man habe zwar kaum etwas voneinander mitbekommen, doch das eingezรคunte Bellevue mit den psychisch Kranken sei wohl vielen Anwohnern suspekt gewesen.
Zwangsjacken รถffentlich versteigern
Seit die Anstaltsleitung von Ludwig dem รlteren an dessen Sohn Robert (1850โ1910; er fรผhrte das Bellevue dreissig Jahre lang) gegangen war und in der Folge von Ludwig dem Jรผngeren รผbernommen wurde โ er trat 1910, knapp dreissigjรคhrig, nach dem plรถtzlichen Tod des Vaters, als Klinikchef an โ, waren zahlreiche Gebรคude dazugekommen. Im erwรคhnten Zeitschriftenartikel wurden die Immobilien als ein ยซweitverzweigtes Villensystemยป beschrieben, zu dem mindestens neun grosse Hรคuser zรคhlten. ยซWeil nur dieses ermรถglicht, die Wรผnsche und Bedรผrfnisse jedes einzelnen Kranken in Bezug auf Wohnung im weitesten Masse zu berรผcksichtigen und diese Verhรคltnisse mรถglichst den heimischen anzu- nรคhernยป, stand in einem Prospekt.
Auch Robert, ein Schรผler Ludwig Meyers, des Begrรผnders der modernen Behandlung Geisteskranker in Deutschland โ dieser hatte sรคmtliche Zwangsjacken der Irrenabteilung des Hamburger Krankenhauses รถffentlich versteigern lassen โ, war ein fortschrittlicher Geist wie sein Vater Ludwig vor ihm. Er lehnte etwa jegliche Einschrรคnkung der Bewegungsfreiheit von Patienten ab. Josef Breuer, ein รถsterreichischer Arzt und neben Sigmund Freud ein Mitbegrรผnder der Psychoanalyse, schickte seine ยซAnna O.ยป zu Binswanger nach Kreuzlingen; die Frau, die tatsรคchlich Bertha Pappenheim hiess, war als erste Patientin psychoanalytisch behandelt worden.
Robert Binswanger war also offen fรผr Entwicklungen der damals im Umbruch befindlichen Seelenheilkunde, er umarmte Neuerungen. Dennoch sieht heute Ralf Binswanger, 81, Psychiater in Zรผrich und der zehn Jahre รคltere Bruder von Familienhistoriker Andreas, seine Verdienste vornehmlich im kaufmรคnnischen Bereich โ er hatte Land zugekauft, um die Anstaltserweiterung voranzutreiben.
Unter Direktor Robert Binswanger erlebte die ยซCuranstaltยป regen Zulauf von Patientinnen und Patienten nicht bloss wegen der angebotenen Behandlungsmethoden. Sondern auch aus altbekannten (oder niedrigeren) Beweggrรผnden โ weil es sich beim Bellevue zunehmend um einen Ort handelte, an den Familienoberhรคupter unerwรผnschte, sich nicht ihren Vorstellungen entsprechend auffรผhrende Angehรถrige abschieben konnten mit einigermassen gutem Gewissen. Die Anstalt war zu einem grossen Teil von Abkรถmmlingen des deutschen, russischen und italienischen Adels bevรถlkert, diese wurden in den Bรผchern des Hauses als ยซNeurasthenikerยป, Nervenkranke, gefรผhrt.
Das beste Geschรคft im Kanton Thurgau
Man musste aber weder adlig noch Auslรคnderin sein, um, manchmal gegen den eigenen Willen, im Bellevue untergebracht zu werden. รffentlich gemacht wurde etwa der Fall einer neunzehnjรคhrigen Millionenerbin aus Basel, die von ihrem Vater eingeliefert wurde, nachdem sie von zu Hause ausgerissen war und in London einen Russen geheiratet hatte, den die Eltern fรผr nicht standesgemรคss hielten. Eine Lokalzeitung berichtete รผber die Internierung. Worauf Binswanger gegen den Verleger klagte, wegen Ehrverletzung und Kreditschรคdigung. Ohne viel Erfolg โ der Verteidiger des Beklagten argumentierte, durch die Berichterstattung sei kein Schaden entstanden, ยซder Doktor Binswanger hat nach wie vor das beste Geschรคft im Kanton Thurgauยป.
Was damit zusammenhing, dass die Verweilzeit aussergewรถhnlich lang war. Oder wie Annett Moses und Albrecht Hirschmรผller in den Marburger Schriften zur Medizingeschichte (Band 44: ยซBinswangers psychiatrische Klinik Bellevue in Kreuzlingenยป, 2004) festhalten, ยซzeichnete sich die Anstalt auch durch einen Patientenstamm aus, der extrem lange Aufenthaltsdauern zu verzeichnen hatteยป. Wรคhrend der Direktorenschaft Ludwig Binswangers senior etwa fanden sich 23 Aufnahmen, die durchgehend lรคnger als fรผnf Jahre im Asyl verblieben. Mit 53 Jahren war die als fรผnfzehnte eingetretene Patientin Emilie Z. aus Bergamo am lรคngsten im Bellevue โ die Italienerin verbrachte ihr Leben zur Mehrheit in Kreuzlingen und konnte die Chefwechsel vom ersten Ludwig zu dessen Sohn Robert und schliesslich zum zweiten Ludwig Binswanger mitverfolgen.
In dessen Zeit hatte das Bellevue seine wirtschaftlich besten Zeiten, die Hรคuser waren mit bis zu achtzig gutzahlenden und lang bleibenden Pensionรคrinnen sowie Pensionรคren ausgelastet, die Zahl der Mitarbeiter war zirka gleich hoch. Dennoch lastete die Fรผhrung der Anstalt, die sein Vater gross gemacht hatte, Sohn Ludwig nicht aus. Es blieb Zeit fรผr Forschung, die ihm ohnehin nรคherlag als die therapeutische Arbeit in der Klinik, zudem konnte er sich fรผr diese auf den Einsatz gutausgewรคhlter Assistenzรคrzte verlassen.
Seit dem Studium, als er von seinem Vater den Rat angenommen hatte, sich durch keine Schule (Denkart) vereinnahmen zu lassen, interessierte er sich fรผr Erkenntnisse und Ansรคtze von Eugen Bleuler, Professor fรผr Psychiatrie an der Universitรคt Zรผrich sowie Direktor am Burghรถlzli. Und noch stรคrker fรผr Sigmund Freuds Psychoanalyse, die auf damals revolutionรคren und von konservativeren Kollegen entsprechend abgelehnten Gedanken fusste. Seine Doktorarbeit hatte er bei Carl Gustav Jung gemacht, der ihn mit Freud zusammenbrachte; daraus entstand eine langanhaltende Freundschaft ยซtrotz fachlicher Differenzenยป (Das Magazin), was womรถglich einen Einzelfall im sozialen Leben des grossen Wieners darstellte.
Seine Haltung gegenรผber der Psychoanalyse beschrieb Ludwig als die ยซoberste und verantwortungsvollste Entscheidungยป, die er zu treffen gehabt habe. ยซEr entschied sich schliesslich fรผr die Psychoanalyse im Sinne eines medizinischen Hilfsverfahrensยป. Und nahm als einer der ersten Klinikdirektoren Freuds Patienten zur Weiterbehandlung auf. Zusammen mit einem jรผngeren Kollegen, Medard Boss aus St. Gallen, begrรผndete er die sogenannte Daseinsanalyse, die sich vereinfacht als eine der Psychoanalyse nahestehende psychiatrische und psychotherapeutische Richtung, die der phรคnomenologischen Methode folgt, beschreiben lรคsst (Wikipedia); sie orientiert sich philosophisch vor allem an Martin Heidegger, der den Menschen als ยซDaseinยป kennzeichnete mit dem ยซIn-der-Welt-Seinยป als einer der Grundverfassungen.
Rauschende Feste
Das Sanatorium von Ludwig junior erreichte aber nicht bloss wegen der dort umgesetzten wissenschaftlichen Erkenntnisse Ausstrahlung. Auch die Namen von Insassen verbreiteten Glanz, sie zรคhlten zu den Berรผhmtheiten ihrer Zeit: Vaslav Nijinsky, der russische Balletttรคnzer, der deutsche Kunstmaler Ernst Ludwig Kirchner, Schauspieler und Regisseur Gustaf Grรผndgens, Erika Mann, Tochter des Nobelpreistrรคgers und selbst Schriftstellerin, Annemarie Schwarzenbach, ihre Freundin und Zรผrcher Grossbรผrgertochter plus viele andere, deren Identitรคt aus Grรผnden des Persรถnlichkeitsschutzes diskret behandelt wurde. Oder wie es der Zรผrcher Psychiater und Freudianer Mario Gmรผr zusammenfasst: ยซdie Kokainistenยป.
Rรถntgenbestrahlung der Eierstรถcke gegen paranoide Schizophrenie durch sexuelle Frustration.
Nicht zu dieser Gruppe gehรถrte Alice Mountbatten, die aus Deutschland kommende Mutter des vergangenes Jahr verstorbenen Prinz Philip, Gemahl von Kรถnigin Elizabeth II. Sie war die lรคngste Zeit ihres Lebens in psychiatrischer Behandlung, 1930 sollen Freud und Ernst Simmel, ein deutscher Psychoanalytiker, bei ihr paranoide Schizophrenie, mit verursacht durch sexuelle Frustration / nicht ausgelebte Leidenschaft, erkannt haben (Behandlung: Rรถntgenbestrahlung der Eierstรถcke zwecks Beschleunigung der Menopause). Alice Mountbatten verbrachte zwei Jahre im Thurgauer Sanatorium, gegen ihren Willen wohl, sie soll sich wahlweise fรผr die Braut Christi oder Buddhas gehalten haben.
Andere Pensionรคrinnen und Pensionรคre verbrachten bessere Tage im Bellevue: Man liest von rauschenden Festen, die gefeiert wurden. Eintrรคge auf der Gรคsteliste zeigen, dass die Anstalt auch Ort gesellschaftlicher Anlรคsse war und eine starke Anziehung auf Geistesgrรถssen ausgeรผbt hatte. Zu den Besuchern zรคhlten Edmund Husserl, der Philosoph und Mathematiker, seine Kollegen Max Scheler und Martin Buber oder der Schriftsteller Werner Bergengruen. Joseph Roth verewigte das Sanatorium im ยซRadetzkymarschยป โ in dem Roman kommt ein Fabrikant, Herr Taussig, vor, der an ยซleichtem, sogenannten Irresein litt und in jene Anstalt am Bodensee fuhr, in der verwรถhnte Irrsinnige aus reichen Hรคusern behutsam und kostspielig behandelt werden, und die Irrenwรคrter zรคrtlich waren wie Hebammenยป.
Falls bis hierher das Bild entstanden ist von unablรคssigem Erfolg des Sanatoriums โ dies trifft nicht ganz zu. Es habe immer wieder wirtschaftlich herausfordernde Jahre gegeben, sagt Familienhistoriker Andreas Binswanger, ยซwรคhrend des Ersten Weltkriegs etwa. Und wรคhrend des Zweiten natรผrlich.ยป Doch diese waren, aus spรคterer Zeit betrachtet, nicht vergleichbar mit der Krise, die die Anstalt ab ungefรคhr Mitte der 1960er Jahre durchmachte. Und die schliesslich dazu fรผhrte, dass das Bellevue aufgegeben werden musste.
1956, fast ein Jahrhundert nach der Klinikgrรผndung, รผbertrug Ludwig die Leitung seinem Sohn Wolfgang, dem ยซletzten Binswanger in dieser Rolleยป, wie Ralf Binswanger, der Psychiater in Zรผrich, seinen Onkel zweiten Grades bezeichnet. Wolfgangs Absicht war es, die im Hause geltende patriarchalische Ordnung zu lockern. Und durch eine die Mitarbeiter und Patienten einbeziehende Fรผhrung zu ersetzen. Er schrieb: ยซFrรผher stand in der Anstalt das Bedรผrfnis, dass nicht zuviel passiere, das Bedรผrfnis nach Ruhe, im Vordergrund. Die Symptome liessen sich mit den anfangs der fรผnfziger Jahre entdeckten Psychopharmaka dรคmpfen.ยป Das sei aber keine ursรคchliche Heilung. Erst mit der Zeit habe man realisiert, wie wichtig es sei, den Patienten zu ermutigen, statt ihm mit Argwohn zu begegnen, ยซihm Gelegenheit zur Bewรคhrung zu geben, statt ihn bewahren zu wollenยป.
Der Sohn hielt sich ziemlich zurรผck, solange der Vater noch lebte. Doch nach dessen Tod 1966, gibt der Autor desย Magazin-Artikels einen Pfleger wieder, der zwanzig Jahre im Bellevue gearbeitet hatte, sei rasch alles anders geworden: ยซDas Personal hatte frรผher grundsรคtzlich immer recht, die Patienten waren rechtlos.ยป Als Wolfgang Binswanger das Kommando dann รผbernahm, sei es auf einmal vorbei gewesen damit. ยซMeistens waren wir zuerst einmal die Blรถden, die nichts verstanden.ยป Wolfgang Binswanger wiederum schrieb: ยซGelingt es uns, den einzelnen Menschen als Daseinspartner anzusprechen, treten meist seine unheimlichen Anwandlungen schnell in den Hintergrund.ยป
Der Therapeut macht sich รผberflรผssig
Eine Erkenntnis, die neben anderen Entwicklungen in der Seelenheilkunde, wohl dazu beitrug, dass anstelle langer, manchmal sehr langer stationรคrer Behandlungen psychisch Kranker zunehmend wesentlich kรผrzere Aufenthalte oder ambulante Einsรคtze verordnet wurden. Der Therapeut, der auf die richtige Behandlung setzt, macht sich also รผberflรผssig. ยซDie klinische Psychiatrie zielt letztlich auf ihre eigene Abschaffung; die Klinik wurde ein Stรผck weit von jener Entwicklung รผberrollt, die in Bewegung zu bringen sie selbst mitgeholfen hat.ยป
So viel zu den exogenen Faktoren, den รคusseren Ursachen, des Niedergangs, der dazu fรผhrte, dass die Familie sich 1979 entschied, die Klinik zu schliessen. Doch auch Grรผnde von innen, aus dem Haus oder der Sippe, waren mitverantwortlich. Ralf Binswanger, von 1966 bis 1975 Verwaltungsrat des Bellevue, sagt, er habe ยซdiese Klientel nicht gesuchtยป (in seinem Wikipedia-Eintrag wird er als ยซkommunistischer Militanterยป beschrieben; mir gegenรผber sprach er von sich und seinen Brรผdern als ยซHerrensรถhnleinยป). Andererseits habe er rasch gemerkt, dass die Klinik รถkonomisch keine Zukunft habe. Wolfgang, ยซder letzte Binswangerยป, habe zwar wegweisende Behandlungsformen eingefรผhrt, die Erneuerung der Anstalt in eine therapeutische Gemeinschaft etwa, doch nachhaltig sei der Betrieb unter seiner Fรผhrung nicht gewesen. Man hรคtte vielleicht 65 stationรคre Patientinnen und Patienten gebraucht, um kostendeckend wirtschaften zu kรถnnen, habe tatsรคchlich aber bloss 40 bis 45 gehabt.
Was auch damit zu tun gehabt hatte, dass nach dem รผberraschenden frรผhen Tod von Werner Binswanger, dem administrativen Leiter des Bellevue, in der Familie kein betriebswirtschaftlich geeigneter Nachfolger zu finden gewesen sei. Werner war mit 45 wรคhrend eines militรคrischen Wiederholungskurses am Q-Fieber erkrankt und an den Folgen gestorben; Ralf Binswanger war damals siebzehn, Andreas sieben. Und als dann noch die Patientenentschรคdigung aus Deutschland (fรผr Pflegeangebote in der Schweiz) weggefallen sei, habe man einen jรคhrlichen Fehlbetrag von bis zu sechs Millionen Franken decken mรผssen.
Wรคhrend der nรคchsten rund fรผnf Jahre versuchten Mitglieder der jungen Binswanger-Generation, das Bellevue neu aufzustellen. Doch ihre Abklรคrungen und Untersuchungen allfรคlliger zukรผnftiger Geschรคftsmodelle fรผhrten zur Einsicht, dass es nur eine Lรถsung gebe: die Schliessung des Betriebs. Was die Generalversammlung daraufhin beschloss. Denn dringend nรถtige Investitionen fรผr das Unternehmen, vor allem in Gebรคude und Einrichtungen, waren als zu hoch eingeschรคtzt worden.
1985 hatten die Stimmberechtigten zu entscheiden, ob die G vor fรผnf Jahren aufgegebene Bellevue รผbernehmen solle. Das Ergebnis: Nein. Was Andreas Binswanger nicht รผberraschte, Kreuzlingen hatte bereits den Seeburgpark, eine grosse, รถffentlich zugรคngliche Erholungsanlage, und man wollte sich nicht in neue finanzielle Abenteuer stรผrzen.
Also machten sich die Bellevue-Aktionรคre auf die Suche nach einer anderen Kรคuferschaft. Die Anteile waren innerhalb der grossen Familie breit gestreut; Dagny Margarete, die Witwe von Werner und Mutter von Ralf, Andreas sowie zweier weiterer Kinder, hielt eine Sperrminoritรคt von rund einem Drittel der Stimmen. Dies, weil sie mit geerbten Mitteln einen komplizierten und lange vorbereiteten Handel mit einem Niederlรคnder, der in den 1930er Jahren der Anstalt Geld gegen Aktien als Sicherheit รผberlassen hatte, abschliessen konnte. Die Binswangers fanden endlich einen Immobilienentwickler, der ihnen die 70 000 Quadratmeter Kreuzlinger Bauland abkaufte, fรผr rund fรผnfzehn Millionen Franken (die verbliebenen Immobilien inklusive).
ยซDer Hauptteil des Areals wurde in den 1990er Jahren fรผr den Bau einer Wohnanlage genutztยป, schliesst der Eintrag des Sanatoriums Bellevue in รผblicher trockener Wikipedia-Art. Ferner gibt es ein paar Betriebe, die ihre Dienste anbieten, ein Thai-Massage-Studio zum Beispiel oder einige Start-up-Firmen, Jungunternehmen. Zur Hauptsache aber gewรถhnliche Mieter in gewรถhnlichen Wohnungen. Mit anderen Worten: Heute lebt dort hรถchstens der ganz normale Wahnsinn.
Annett Moses und Albrecht Hirschmรผller: Binswangers psychiatrische Klinik Bellevue in Kreuzlingen. Marburger Schriften zur Medizingeschichte, Band 44. Peter Lang. 2004
Mark van Huisseling
Balgriststrasse 92
CH-8008 Zรผrich
markvan@bluewin.ch
Website Gestaltung und Coding:
(TEAM) Alexis Zurflรผh
Allgemeiner Hinweis und Pflichtinformationen
Benennung der verantwortlichen Stelle
Die verantwortliche Stelle fรผr die Datenverarbeitung auf dieser Website ist:
Mark van Huisseling
Balgriststrasse 92
CH-8008 Zรผrich
Die verantwortliche Stelle entscheidet allein oder gemeinsam mit anderen รผber die Zwecke und Mittel der Verarbeitung von personenbezogenen Daten (z.B. Namen, Kontaktdaten o. ร.).
Widerruf Ihrer Einwilligung zur Datenverarbeitung
Nur mit Ihrer ausdrรผcklichen Einwilligung sind einige Vorgรคnge der Datenverarbeitung mรถglich. Ein Widerruf Ihrer bereits erteilten Einwilligung ist jederzeit mรถglich. Fรผr den Widerruf genรผgt eine formlose Mitteilung per E-Mail. Die Rechtmรครigkeit der bis zum Widerruf erfolgten Datenverarbeitung bleibt vom Widerruf unberรผhrt.
Recht auf Beschwerde bei der zustรคndigen Aufsichtsbehรถrde
Als Betroffener steht Ihnen im Falle eines datenschutzrechtlichen Verstoรes ein Beschwerderecht bei der zustรคndigen Aufsichtsbehรถrde zu. Zustรคndige Aufsichtsbehรถrde bezรผglich datenschutzrechtlicher Fragen ist der Landesdatenschutzbeauftragte des Bundeslandes, in dem sich der Sitz unseres Unternehmens befindet.
Recht auf Datenรผbertragbarkeit
Ihnen steht das Recht zu, Daten, die wir auf Grundlage Ihrer Einwilligung oder in Erfรผllung eines Vertrags automatisiert verarbeiten, an sich oder an Dritte aushรคndigen zu lassen. Die Bereitstellung erfolgt in einem maschinenlesbaren Format. Sofern Sie die direkte รbertragung der Daten an einen anderen Verantwortlichen verlangen, erfolgt dies nur, soweit es technisch machbar ist.
Recht auf Auskunft, Berichtigung, Sperrung, Lรถschung
Sie haben jederzeit im Rahmen der geltenden gesetzlichen Bestimmungen das Recht auf unentgeltliche Auskunft รผber Ihre gespeicherten personenbezogenen Daten, Herkunft der Daten, deren Empfรคnger und den Zweck der Datenverarbeitung und ggf. ein Recht auf Berichtigung, Sperrung oder Lรถschung dieser Daten. Diesbezรผglich und auch zu weiteren Fragen zum Thema personenbezogene Daten kรถnnen Sie sich jederzeit รผber die im Impressum aufgefรผhrten Kontaktmรถglichkeiten an uns wenden.
SSL- bzw. TLS-Verschlรผsselung
Aus Sicherheitsgrรผnden und zum Schutz der รbertragung vertraulicher Inhalte, die Sie an uns als Seitenbetreiber senden, nutzt unsere Website eine SSL-bzw. TLS-Verschlรผsselung. Damit sind Daten, die Sie รผber diese Website รผbermitteln, fรผr Dritte nicht mitlesbar. Sie erkennen eine verschlรผsselte Verbindung an der โhttps://โ Adresszeile Ihres Browsers und am Schloss-Symbol in der Browserzeile.
Kontaktformular
Per Kontaktformular รผbermittelte Daten werden einschlieรlich Ihrer Kontaktdaten gespeichert, um Ihre Anfrage bearbeiten zu kรถnnen oder um fรผr Anschlussfragen bereitzustehen. Eine Weitergabe dieser Daten findet ohne Ihre Einwilligung nicht statt.
Die Verarbeitung der in das Kontaktformular eingegebenen Daten erfolgt ausschlieรlich auf Grundlage Ihrer Einwilligung (Art. 6 Abs. 1 lit. a DSGVO). Ein Widerruf Ihrer bereits erteilten Einwilligung ist jederzeit mรถglich. Fรผr den Widerruf genรผgt eine formlose Mitteilung per E-Mail. Die Rechtmรครigkeit der bis zum Widerruf erfolgten Datenverarbeitungsvorgรคnge bleibt vom Widerruf unberรผhrt.
รber das Kontaktformular รผbermittelte Daten verbleiben bei uns, bis Sie uns zur Lรถschung auffordern, Ihre Einwilligung zur Speicherung widerrufen oder keine Notwendigkeit der Datenspeicherung mehr besteht. Zwingende gesetzliche Bestimmungen – insbesondere Aufbewahrungsfristen – bleiben unberรผhrt.
Newsletter-Daten
Zum Versenden unseres Newsletters benรถtigen wir von Ihnen eine E-Mail-Adresse. Eine Verifizierung der angegebenen E-Mail-Adresse ist notwendig und der Empfang des Newsletters ist einzuwilligen. Ergรคnzende Daten werden nicht erhoben oder sind freiwillig.
Die Verwendung der Daten erfolgt ausschlieรlich fรผr den Versand des Newsletters.
Die bei der Newsletteranmeldung gemachten Daten werden ausschlieรlich auf Grundlage Ihrer Einwilligung (Art. 6 Abs. 1 lit. a DSGVO) verarbeitet. Ein Widerruf Ihrer bereits erteilten Einwilligung ist jederzeit mรถglich. Fรผr den Widerruf genรผgt eine formlose
Mitteilung per E-Mail oder Sie melden sich รผber den “Austragen”-Link im Newsletter ab. Die Rechtmรครigkeit der bereits erfolgten Datenverarbeitungsvorgรคnge bleibt vom Widerruf unberรผhrt.
Zur Einrichtung des Abonnements eingegebene Daten werden im Falle der Abmeldung gelรถscht. Sollten diese Daten fรผr andere Zwecke und an anderer Stelle an uns รผbermittelt worden sein, verbleiben diese weiterhin bei uns.
Cookies
Unsere Website verwendet Cookies. Das sind kleine Textdateien, die Ihr Webbrowser auf Ihrem Endgerรคt speichert. Cookies helfen uns dabei, unser Angebot nutzerfreundlicher, effektiver und sicherer zu machen.
Einige Cookies sind โSession-Cookies.โ Solche Cookies werden nach Ende Ihrer Browser-Sitzung von selbst gelรถscht. Hingegen bleiben andere Cookies auf Ihrem Endgerรคt bestehen, bis Sie diese selbst lรถschen. Solche Cookies helfen uns, Sie bei Rรผckkehr auf
unserer Website wiederzuerkennen.
Mit einem modernen Webbrowser kรถnnen Sie das Setzen von Cookies รผberwachen, einschrรคnken oder unterbinden. Viele Webbrowser lassen sich so konfigurieren, dass Cookies mit dem Schlieรen des Programms von selbst gelรถscht werden. Die Deaktivierung von Cookies
kann eine eingeschrรคnkte Funktionalitรคt unserer Website zur Folge haben.
Das Setzen von Cookies, die zur Ausรผbung elektronischer Kommunikationsvorgรคnge oder der Bereitstellung bestimmter, von Ihnen erwรผnschter Funktionen (z.B. Warenkorb) notwendig sind, erfolgt auf Grundlage von Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO. Als Betreiber dieser
Website haben wir ein berechtigtes Interesse an der Speicherung von Cookies zur technisch fehlerfreien und reibungslosen Bereitstellung unserer Dienste. Sofern die Setzung anderer Cookies (z.B. fรผr Analyse-Funktionen) erfolgt, werden diese in dieser
Datenschutzerklรคrung separat behandelt.